GTA V: Der große Roman der Gegenwart

Rekorde über Rekorde prägen die Spieleserie GTA. Dem schottischen Entwicklerteam von Rockstar North gelingt es seit 1997 regelmäßig, ein Kulturgut zu veröffentlichen, das ein Adäquat sucht. Der aktuelle Hit aus der Spieleschmiede der Hauser-Brüder ist GTA V. Eine alptraumhafte Satire auf die moderne Gesellschaft, die den Vergleich mit Manns „der Untertan“ nicht zu scheuen braucht. GTA V ist die Satire des einundzwanzigsten Jahrhunderts und seit September im Handel.

GTA V ist das Kunstprodukt des Jahres. Eifel//Weit-Foto: Hersteller Rockstar North

Eifel//Weit. Der große Roman des Jahres ist kein Buch. Auch Serien, wie die amerikanischen Homeland oder House of Cards oder die dänische Produktion Borgen haben trotz großartig erzählter Geschichten nicht den Titel errungen. Der Roman des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts ist ein Videospiel. Nein, nicht nur ein Videospiel: GTA V (Grand Theft Auto) ist ein sogenanntes „Open World“-Spiel. Eine freie Welt, in diesem speziellen Fall Los Santos, eine fiktive Version von Los Angeles. Hardcore-Spielern bereits aus GTA- San Andreas bekannt.

Seit Verkaufsstart Mitte September hat GTA V innerhalb von nur drei Tagen eine Milliarde Dollar eingespielt. Es gibt derzeit kein Unterhaltungsprodukt, das jemals schneller die Milliarden-Marke durchbrechen konnten. Bereits innerhalb der ersten 24 Stunden verbuchte der Produzent Rockstar North einen Umsatz von 815,7 Millionen Dollar. Das sind Rekorde, die im Guinness- Buch stehen, doch sie erklären nicht, warum ein Spiel ein Bestseller ist und der Roman der Gegenwart.

Die Wirtschaftskrise trifft auf GTA V

Mein Psychologe könnte sicherlich dazu mehr sagen, doch er ist nicht „mein“ Psychologe, sondern der meines pixeligen Charakters Michael De Santa. Während ich mit meinem „Avatar“ also vor dem Strandhaus sitze kommt Franklin vorbei, er soll die Autos meines Seelenklempners abholen, die Wirtschaftskrise, die Bank will ihre Raten. Nach dem Epilog irgendwo im Winter sind dies die ersten Szenen in GTA V. Während Michael, der ehemalige Bankräuber auf der Bank Trübsal bläst, folgt die Kamera Franklin und via eines Knopfdrucks verlässt der Spieler Michael, um nun als Franklin durch die Straßen LS zu donnern.

Zum ersten Mal in der seit 1997 existierenden Spieleserie übernimmt man drei Charaktere. Dadurch hat sich die Art des Erzählens verändert. Waren es bis GTA IV immer Einzelgänger die im Spielverlauf eine beachtliche Kariere als Gangster hinlegten, meist vom Kleinkriminellen zum Gangsterboss, sind in GTA V die Rollen weiter verteilt. Michael war ein erfolgreicher Bankräuber, der nun in einem Zeugenschutzprogramm lebt, und von sich, seiner Familie und seinem Umfeld gelangweilt ist. Er ist um die 40 Jahre, eine speckige Taille und hängt in Tagträumen seiner High School Footballkariere nach.

Sein ehemaliger Partner Trevor Phillips hält Michael sogar für tot. Phillips wohnt in einem Wohnwagen außerhalb der Blitzlichter von Los Santos und hat einen argen Hang zu Gewaltausbrüchen. Er ist „White-Trash“, also die weiße Unterschicht Amerikas und ein Soziopath, könnte man meinen.

Der Untertan und GTA V

In Wirklichkeit ist Trevor Phillips ein hoch intelligenter Zyniker, sogar etwas schüchtern in bestimmten Situationen. Aber nicht, wenn es ums Geschäft geht: von seinem Trailer-Park-Heim hat er ein Imperium an illegalen Geschäften aufgebaut, der parasitäre amerikanische (Alp)-Traum in einer Form der preisgekrönten Serie „Breaking Bad“. Alleine Trevors Entwicklung im Verlauf des Abenteuers gibt schon eine spannende Geschichte ab. Aber es ist die Welt drumherum, die GTA V zur vielleicht besten Satire seit Heinrich Mannsder Untertan“ macht.

Da wird im Radio aggressiv für Schönheitschirurgie geworben. Ständig ist das E-Mail Postfach voll mit Werbung des örtlichen Waffenhändlers, der einem die neuesten Schießeisen offeriert. Ganz im Stil des Titels kann man sich an den umherfahrenden Autos bedienen, wie es einem beliebt. Ist der Golfpartner heute besser? Dann erschieße ich ihn einfach oder prügele ihn mit dem Golfschläger. Abends treffe ich mich dann auf ein Bier, dass bezeichnender Weiße Pisswasser heißt.

GTA V ist ein amerikanischer Alptraum aus Pixeln

GTA V ist eine fortlaufende Satire auf den amerikanischen Traum und auf den aktuellen Zeitgeist. In einer Szene stirbt der Tech-Guru des GTA-Universums bei der Präsentation seines neuen Handys live auf der Bühne. Vorher wurde das Telefon vom Spieler mit einem Sprengsatz versehen und ein befreundeter Nerd setzte an der GTA-Börse auf fallende Kurse, was nach dem Attentat vor laufenden Kameras natürlich prompt eintrat und dem Spieler eine Menge Geld einbrachte.

GTA V ist eine gedopte Parabel auf die moderne Gesellschaft und alleine für diesen wahnsinnig und heitereren Blickwinkel aus der kalifornischen Sonne lohnt sich die Lektüre. Auch wenn GTA kein Buch ist, so ist es doch einer der besten Romane der Gegenwart.

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Grand Theft Auto V

Der Untertan: Roman

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GTA V: Der große Roman der Gegenwart

von Jörg Rossler Lesezeit: 3 min
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